Dieses Forum wurde mir von einem Freund empfohlen, danke an Dich, falls Du das liest. Vielleicht ist hier jemand, der meine Erfahrungen teilen kann und im besten Fall sogar Ideen hat, wie man damit umgehen kann.
Also, zum Thema: Ich bin vollblind und habe mich im vergangenen Jahr sehr gut mit einer Sehenden angefreundet. Wir teilen extrem viele Interessen miteinander, haben denselben, oft etwas speziellen Humor und unternehmen sehr viel gemeinsam. Letzteres meinte bisher eigentlich immer nur Tagesausfluege, neulich sind wir aber zum ersten mal miteinander verreist. Und da veraenderte sich dann doch ein bisschen was in unserer Dynamik.
Vielleicht sollte ich vorher noch erwaehnen: Einer der Wesenszuege, die ich ganz besonders an ihr schaetze, ist ihre Empathie, ihr aufmerksamer Blick auf die Welt um sie herum und ihr ehrliches Interesse daran, wie es mir und anderen geht. Das wird gleich wichtig. Die ersten Tage unseres Staedtetripps liefen ziemlich gut, eigentlich wie erwartet. Wir erkundeten gemeinsam die fremde Umgebung, lachten, staunten und genossen. Dann allerdings begann die Situation zu kippen, sie war zunehmend gereizt und ungeduldig, kleine Sachen, die vorher nie ein Problem gewesen waren, wurden auf einmal zu grossen Themen und die Grundstimmung wurde fuer uns beide zunehmend schlechter. Irgendwann meinte sie, sie brauche jetzt einfach mal eine Pause, ich muesse mich jetzt einfach mal fuer mich beschaeftigen und sie wolle ein paar Stunden in Ruhe fernsehen.
Natuerlich, jeder braucht mal eine Pause, aber dieses relativ unvermittelte Kippen hat mich irgendwie schon sehr nachdenklich gemacht. Daher sprach ich sie spaeter nochmal darauf an und erkundigte mich nochmal explizit, weil ich das Problem besser verstehen wollte: "Ist es Dir gerade einfach zu viel anderer Mensch oder explizit zu viel Torz?" Und sie darauf: "Es ist mir einfach zu viel Verantwortung".
Anscheinend habe ich sie an einem Punkt getriggert, den wir beide so nicht auf dem Schirm hatten, wohl, weil sie durchaus viel Kontakt zu Blinden hat und unsere Tagesaktivitaeten ja immer gut funktioniert hatten. Wenn sie mich permanent um mich hat, scheint sie eine enorme Last aus Verantwortung zu spueren. Natuerlich hat sie die teils durchaus real, sie schaut ja fuer mich mit, liest mir Beschilderungen vor und so weiter, aber sie kann wohl viele Alltagssituationen nicht einfach so geschehen oder stehen lassen. Sie meinte zum Beispiel, es sei fuer sie nur schwer ertraeglich, mir beim Fruehstueck zuzusehen. Warum? Naja, es kommt nun einmal bisweilen vor, dass man, wenn man zum Beispiel Joghurt gegessen hat, einen Klex auf den Teller befoerdert hat. Und wenn man dann etwas auf dem Teller sucht, dann langt man da halt schon mal versehentlich hinein. Nicht weiter schlimm, wuerde ich sagen, wozu gibt es denn Servietten und oben auf dem Zimmer fliessend Wasser, aber sie kann dabei kaum zusehen. Oder wir stehen an einer Mauer, vielleicht so 30 cm breit. Ich habe mir eine Flasche Wasser gekauft und will die in meine Tasche stecken. Dazu stelle ich die Flasche auf die Mauer, so dass sie etwa mittig darauf steht, nach beiden Seiten ist also Platz. Und waehrend ich die Flasche so einpacken will, wird sie schon ganz hecktisch - die Freundin, nicht die Flasche -, weil sie die ganze Zeit Angst hat, ich koennte die Flasche jeden Moment versehentlich von der Mauer schupsen. "Ohne Dich beleidigen zu wollen: es fuehlt sich manchmal fast so an wie damals, als ich mal auf meinen ein-jaehrigen Neffen aufpassen musste, damit war ich aehnlich ueberfordert".
Nachdem ich ihr ein wenig Ruhe gelassen hatte, ging es am naechsten Tag dann auch wieder, aber auch da gab es dann wieder so eine Situation, die glaube ich sehr gut zeigt, wo das Problem ist. Wir fuhren auf dem Rueckweg noch zu einem Wasserfall, ein netter Kontrast zu der Urbanitaet der letzten Tage. Auf dem Weg mussten wir einen kleinen Bach ueberqueren. Ich schaetzte nun aber die Entfernung falsch ein und landete knapp nicht auf der anderen Seite, sondern im knoecheltiefen Wasser. Nicht weiter schlimm, fuer mich. Sie dagegen machte sich nun furchtbare Vorwuerfe, allein schon, weil sie sich vorstellte, wie das nun auf Fremde wirken musste: "Wenn die uns jetzt sehen, und Dich mit Deinen nassen Hosenbeinen, dann werden sie sich doch fragen 'wie konnte sie da nur so unaufmerksam sein, dass sowas passiert ist, wie konnte sie ihn ueberhaupt zu sowas mitnehmen, ...'". Ich versuchte ihr natuerlich gut zuzureden: "Das sind aber Leute, die Dich nicht kennen, und nur weil sie Dich nicht kennen, koennen sie ueberhaupt sowas von Dir denken", aber es funktionierte nicht. Sie fuehlte sich schlecht fuer meine Tollpatschigkeit, deren Folgen mir selbst eigentlich kaum was ausmachten. Diese Aufmerksamkeit, diese Empathie, die ich an ihr so mag, hat hier also ihre Kehrseite.
Nun frage ich mich natuerlich: Haben andere in solchen blind/sehend-Verbindungen schon aehnliche Probleme gehabt? Und wenn ja: Habt Ihr irgendwelche Moeglichkeiten gefunden, damit umzugehen und das Ganze ein wenig zu entschaerfen? Ich fuerchte halt, dass wohl vor allen Dingen ich etwas tun muss, denn dieses Problem scheint wirklich tief in ihr verankert zu sein. Wir starten naechste Woche in eine zehntaegige Urlaubsreise, die wir schon lange vor der Erfahrung von neulich geplant haben. Sie abzusagen, kommt fuer uns beide nicht in Frage, aber gerade vor diesem Hintergrund waere es natuerlich wichtig, dass wir versuchen, potenziell schwierige Momente nach Moeglichkeit zu minimieren. Klar, das wird nicht zu 100 Prozent funktionieren, da prallen halt einfach eine Behinderung und eine Mentalitaet aufeinander und dafuer kann ja keiner von uns beiden irgendwas, aber einfach nur "is hat so" zu sagen und die Spannungen als gottgegeben hinzunehmen, kann es ja auch nicht sein. Manches habe ich mir schon selbst ueberlegt. Wir haben auf unserer Reise etwa an fastallen Orten Ferienwohnungen mit eigenen Zimmern. Und wenn wir von unseren Aktivitaeten in unsere Unterkunft kommen, werde ich mich standardmaessig erst mal auf mein Zimmer begeben. Wenn sie dann noch was mit mir machen will, geht das jederzeit gern, aber dann muss eben sie die Initiative ergreifen und aktiv zu mir kommen. Das koennte vielleict helfen, Naehe und Abstand so zu regulieren, dass sie sich wohl fuehlt und nicht erst dann etwas sagt, wenn es eigentlich schon zu spaet ist.
Aber vielleicht gibt es hier noch weitere Ratschlaege und Ideen? Ich waere extrem dankbar fuer irgendwelche Tipps, die das Ganze etwas vereinfachen. Einmal fuer mich selbst, aber vor allen Dingen in ihrem Interesse, denn es machte mich wirklich ungluecklich zu sehen, dass sie die gemeinsame Zeit durch dieses Thema wohl nicht ansatzweise so geniessen kann wie ich.
Danke im Voraus fuer Eure Antworten!